Queste 69: Einsteigerboxen

von ackerknecht

Für diese eine RPG-Blog-O-Quest von Greifenklaue muss ich den Blog einfach wieder aufmachen*. Kein anderes Thema im Rollenspiel-Bereich treibt mich so sehr um, wie die Einsteigerboxen. Für alle, die meine Kurzrezension der DSA5-Einsteigerbox nicht gelesen haben (also die gesamte Weltbevölkerung minus 16 Personen), hier noch einmal der Hintergrund: Mein ältestes Kind kommt in das Alter, in dem man vernünftig mit dem Hobby anfangen kann. Die Betonung liegt dabei auf vernünftig, denn ich kann mit Kinder-Rollenspielen nichts anfangen. Seanchui hat es absolut treffend auf den Punkt gebracht (und wird darum gerne noch einmal zitiert): Ich will kein Spiel mit Bi-Ba-Butzmännern spielen, die der Vogelmama dabei helfen, die Vogelmamaeier vor den Vogelmamaeierdieben zu beschützen. Ich war 1993 mit zwölf Jahren reif genug für Das Schwarze Auge, und ich denke, meine Tochter ist dies jetzt auch. Und ich weiß, dass es katastrophal schiefgehen wird, wenn ich versuche, ihr dieses Hobby beizubringen. Besser wird es laufen, wenn sie sich es selber beibringt… Daher möchte ich ihr gerne eine Einsteigerbox zum nächsten Geburtstag schenken – Frage ist nur, welche.

Damit genug der Vorrede, auf zur Queste!

Erstens: Welche Einsteigerboxen kennst Du, welche hältst Du davon für die beste? Mit welcher hast Du besonders denkwürdige Abenteuer erlebt?

Teilfrage 1: Ich kenne vom schwarzen Auge die Einsteigerboxen zu den Editionen 3, 4.0, 4.1 (auch wenn das ein Buch ist) und 5; zu Splittermond die erste Einsteigerbox (leider noch nicht die zweite); zu (A)DnD eine Einsteigerbox aus den Neunzigern von Amigo-Spiele und die aktuelle 5E-Einsteigerbox (und die „Basic Rules“ packe ich hier noch mit dazu); Die Pathfinder-Box der ersten Edition; die „Am Rande des Imperiums“-Box des Star-Wars-RPGs; und die Dungeon-Slayers-Starterbox.

Am besten gefällt mir die Splittermond-Box (und ich brauche dringend noch einmal die neue Version), mit Dungeon Slayers auf Platz 2 knapp dahinter und der Pathfinder-1E-Box auf dem dritten Rang.

Teilfrage 2: Die schönsten Erinnerungen verbinde ich mit der DSA3-Einsteigerbox „Die Helden des Schwarzen Auges“, weil es einfach mein Einstieg in dieses Hobby war. Deshalb mache ich mir auch so viele Gedanken über das Geschenk an die Tochter – die ersten Erfahrungen sind wichtig. Davon abgesehen hat die DSA3-Box auch schon viele Sachen richtig gemacht. Ein Ausnahme davon ist, wie eigentlich immer bei DSA, die mangelnde „Aufwärtskompatibilität“. Diese hat damals zu großen, lauten Diskussionen in meiner Teenagergruppe geführt, als es an die Konversion der Helden ging.

Mein Geheimfavorit ist aber das Grundregelwerk zu DSA4.1. Bis heute nehme ich diese Regelwerk als Basis für meine Heldenfiguren, wenn ich zu einer DSA4.1-Runde gehe. Mittlerweile ist es mir egal, dass diese Figuren nur zu 95% kompatibel zum Hauptregelwerk sind – dafür habe ich alle Regeln in einem Buch.

Zweitens: Charakterentwicklung – Eigene Figuren oder vorgefertigte Helden oder eine Mischung?

Ganz klar, eine Einsteigerbox muss Regeln für die Charaktererschaffung enthalten. So sehr mir die liebevoll gestalteten Figuren in der DSA5-Box oder am Rande des Imperiums auch gefallen: Sie gehören eigentlich in Schnellstarter, ein komplett anderes Produkt mit einer anderen Zielgruppe. Schnellstarter richten sich an erfahrene Spieler*innen, die gern in ein neues System reinschnuppern wollen. Eine Einsteigerbox, die sich an Anfänger*innen richtet, muss folgende Botschaft übermitteln: „Mit diesem Spiel kannst Du sein, was sein willst.“ Dazu gehört die Möglichkeit, sich eigene Figuren zu erschaffen. Andererseits braucht manch eine*r auch Inspirationen für seine Figur… Der Königsweg ist wohl die freie Generierung mit beigelegten Archetypen.

Zwei meiner liebsten Einsteigerprodukte.

Drittens: Haptik – Was sollte dazugehören?

Würfel: Auf jeden Fall, gerne das „RPF-Standardset W4-6-8-10-12-20-100“. Ich verstehe den Vorteil eines W6-basierten Systems. Die Option, als Einsteiger*in einfach die Kniffelschachtel zu plündern, ist toll, aber: Die verrückten Würfel machen einen wichtigen Teil der Faszination aus, die gehören dazu.

Minis, Pawns und Battlemaps: In letzter Zeit habe ich für den Einstieg die Pappmarker kennen und schätzen gelernt, zu Battlemaps noch mehr unter Frage 5.

Weltkarte: Bei Spielen mit einer „entwickelten“ Welt (DSA, Splittermond) sicher nicht unwichtig. Wichtiger ist aber eine gut ausgearbeitete Einsteigerregion. Um DSA als Beispiel heranzuziehen: DSA3 hat es mit dem Garether Umland als Einstiegsregion vielleicht etwas übertrieben, die Baronie Heldentrutz der DSA5-Einsteigerbox ist mir aber zu popelig. DSA4.1 hat es mit Nostria und Andergast genau richtig getroffen. Ähnliche Kritik habe ich zur ersten Splittermondbox: Die Region aus der Kampagne ist mir zu klein, legt man die Spielhilfe zur Arwinger Mark noch dazu, passt es von der Größe perfekt.

Spielleiterschirm: Schwierig. Für mich persönlich ist es nix. Ich kann aber nachvollziehen, dass ein Schirm einer frischgebackenen Einsteiger-Spielleitung etwas mehr Sicherheit geben kann. Leider führt man sie damit gleich an Unsitten wie Würfeldrehen heran.

Viertens: Nutzen für später – Kann man die Box später noch gebrauchen? Eingedampfte Regeln oder das vollständige System?

Ich plädiere hier ganz klar für leicht abgespeckte Regeln, mit Kompatibilität zum Vollprodukt, oder wenigstens minimalem Konvertierungsaufwand. Das ist für die Designer*innen sicherlich sehr schwierig, positive Beispiele sind Dungeon Slayers, die Pathfinderbox der ersten Edition und die „5E Basic Rules“ von DnD (letztere hätte ich gern in deutscher Übersetzung).

Dieser Punkt ist ein absolutes „Muss“ aus meiner Sicht. Nichts ist schlimmer für neue Spieler*innen als die Ansage: „Hey, dieses Produkt, dass Du Dir vor ein paar Wochen für 30€ gekauft hast… Das kannst Du jetzt wegschmeißen.“

Eine Sache, die ich an dieser Stelle unbedingt noch erwähnen will, ist ein umfangreiches Bestiarium, zur Gestaltung eigener Abenteuer. Ich persönlich kann mittlerweile in jedem System den Wertekasten eines Goblins so umbauen, dass daraus Orks, Trolle und Kobolde werden, die sich auch tatsächlich so anfühlen. Eine Anfänger-Spielleiter*in kann das nicht.

Fünftens: Du darfst Deine eigene Einsteigerbox zusammenstellen. Welches System, welche Inhalte, welche Besonderheiten…?

Na dann fangen wir mal an…

Als Grundlage würde ich die DSA4.1 Basisregeln nehmen, verteilt auf mehrere Bände, damit man u.a. die Zauber-Regeln am Spieltisch umher reichen kann, und zur Trennung von SL- und Spieler*innen-Material. Auch wenn manche Regelelemente anders benannt sind und teilweise wichtige Sonderfertigkeiten (z.B. Merkmalskenntnisse für Magier) fehlen, ist das Regelkonstrukt größtenteils aufwärtskompatibel. Auch wenn Kritiker sagen, dass das DSA4.1-Grundregelwerk wie kein anderes für eine Entwertung durch die Komplettregeln steht, fasst es die wichtigsten Regeln an einem Ort zusammen. Das Ganze verlegt als A5-Bände mit hochwertiger Bindung.  Dazu kommt eine großformatige Aventurienkarte, eine noch größere Regionskarte von Nostria und Andergast, Stadtpläne nicht zu vergessen. Würfel auch gerne, aber in meinem Fall nicht notwendig: Natürlich werde ich die Tochter mit marmorierten Glitzer-Golddruck-W20 von Chessex und Konsorten zuschmeißen. Ausreichend Heldenbögen (diese in A4), Pappcounter und als besonderes Schmankerl: Eine „Flipmap“ im Pathfinderstil, mit Dry-Erase-Markern.

Als Abenteuer würde ich noch „Ein Hauch von Schmerz“, das passt trotz des martialischen Namens gut rein. Als zweites Abenteuer würde ich noch den „Begeisterten Neuanfang“ dazu packen. Liebes Fanpro-Team von 2006: Hättet Ihr irgendwo in Eurem Buch noch auf die Download-Möglichkeit dieses Abenteuers verwiesen, es wäre das perfekte Produkt geworden.

Bonusfrage: Aber was schenke ich nun der Tochter?

Die Tendenz geht stark in Richtung der neuen Splittermond-Box. Was würdet Ihr vorschlagen?

Bis zum nächsten Mal,

 

Gruß

 A.

*Ich zitiere den Roboter Pintsize aus Questionable Content: „You know I couldn’t resist the sexy number! Also, nice.“