Kurz quergelesen: Das Erbe des Drachenritters

von ackerknecht

Unter den vielen, vielen Produkten, die von den Rollenspielverlagen während der Coronakrise kostenlos oder als pay-what-you-want angeboten wurden, war auch die aktuelle Einsteigerbox des Schwarzen Auges: Das Erbe des Drachenritters. Aus verschiedenen Gründen war diese für mich sehr interessant. Aber bevor ich das erläutere, erst einmal ein herzliches Dankeschön an Ulisses für dieses Angebot!

Meine erste RPG-Blog-o-Quest habe ich durchaus mit Hintergedanken zum Thema Kinder ausgeschrieben. Ich frage mich selber, wann und wie ich meine eigenen Kinder an unser Hobby heranführen will. Dabei bin ich zu dem Schluss gekommen, dass ich kein „Kindersystem“ nutzen will. Die Gründe dafür hat Seanchui hier sehr nachvollziehbar dargelegt. Ich will also warten, bis meine Kinder alt genug sind, um ein (Fantasy-)Rollenspiel auf normalem Grusel- und Gewaltlevel vollständig spielen zu können – also bis sie 12 oder 13 Jahre alt sind. Jetzt wäre ich aber mit dem Klammerbeutel gepudert, wenn ich glauben würde, dass ich meine 13jährigen Kids noch mit mir an einen Spieltisch bringen würde. Das will ich aber auch gar nicht. Ich will, dass sie dieses Hobby selber entdecken und sich dann irgendwann mal vielleicht selbst zu einer Runde mit mir setzen. Daher stammt mein Interesse an Einsteigerboxen verschiedener Systeme.

Das Erbe des Drachenritters besteht in der mir vorliegenden PDF-Version aus folgenden Materialien: Vier Spielercharakteren in umfassenden Dokumenten, ein Soloabenteuer pro Charakter, ein Regelheft, Hintergrundband, ein kurzen Kampagne von Gruppenabenteuern sowie Übersichtspläne und Figurenportraits für Helden und Antagonisten. Die Box spielt im Hinterland des Herzogtums Weiden. Eine Gruppe von vier Abenteurerinnen und Abenteuerern findet sich zusammen, um das Geheimnis des namensgebenden Drachenritters zu erkunden.

Das Hilfsmaterial find ich gelungen. Gerade die Figurenmarker und die Pläne mag ich sehr: Lange habe ich damit gehadert, dass sich DSA mit Visualisierung so schwer tut. Jetzt möchte ich sofort die Token ausdrucken und mit Acryl-Blips versehen.

Die Charaktere sind das klare Herzstück der Box. Die Figuren sind mit jeweils einem 16seitigen Charakterbogen sehr detailliert dargestellt, dazu kommt noch jeweils ein Soloabenteuer für jede Heldin und jeden Held. Die DSA-Einsteigerbox verfolgt damit die Philosophie der Star-Wars-Einsteigerboxen von FFG oder der DnD5-Starterbox, intensiv beschriebene, vorgefertigte Charaktere zu verwenden. Ich weiß nicht, ob mir das gefällt. Man kann leicht in diese Heldinnen und Helden „schlüpfen“, aber es sind doch Figuren der Autoren. Ein vereinfachtes System zur Generierung, wie in der Splittermond-Einsteigerbox, sagt mir eher zu. Für mich geht es beim Rollenspiel eher darum, sich seinen eigenen Charakter auszudenken. Was mir aber sehr gut gefällt ist die Auswahl der Figuren: Kriegerin, Magier, Zwerg und Elfe – das sind die klassischen DSA-Helden.

Ein anderer Aspekt der intensiven Beschreibung der Charaktere sind die umfassenden Regeln zu den Charakteren. Hier fällt mir beim „Drachenritter“ etwas auf, das ich schon bei meinen Experimenten zu Warhammer 40.000 bemerkt habe. Bei einem System mit einer so langen Historie ist es schwer, Neulingen die althergebrachten Spielmechanismen zu erklären. Es ist genauso schwer, die teilweise altmodischen Kernmechanismen für erfahrene Spielerinnen und Spieler zu modernisieren. Eine Aktualisierung mit der Zielgruppe von Neueinsteigern ist noch einmal schwieriger.

Bei den Soloabenteuern zeigt sich das noch deutlicher: Diese sind mehr oder weniger nichts anderes als der Versuch, Dinge wie die 3W20-Probe oder das Attacke-Parade-System zu erläutern. Da stellt sich mir die Frage: Wieso will ich meinen Kindern DSA zum Einstieg nahelegen? Wäre ein modern designtes System (wie Splittermond) nicht besser? Aber, DSA ist nun einmal das klassische deutsche Rollenspiel. Ein wenig Sorge habe ich, dass man, wenn man nicht mit DSA beginnt, man einen entscheidenden Teil dessen, was dieses Hobby ausmacht, verpasst. Zum Guten wie zum Schlechten.

Die Gruppenabenteuer sind auch entsprechend aufbereitet, so dass eine unerfahrene Spielleitung sie gut vorbereiten und leiten kann. Das ist ein Pluspunkt des „Drachenritters“. Es passt genau zu dem, was ich damit vorhabe: Dass Anfänger sich alleine damit auseinander setzen können. Weniger nützlich ist es natürlich für eine erfahrene SL, die mit einer Gruppe Neulinge neu anfangen will.

Mein Fazit nach kurzem Querlesen: Das, was sie tun will, macht die DSA5 Einsteigerbox sehr gut. Sie bietet absolut unbelasteten Rollenspielneulingen einen detailliert angeleiteten Einstieg ins Hobby. Leider merkt man der Box an, dass DSA nicht das eleganteste Rollenspiel ist, ein Problem, das auch durch die Änderungen der 5. Edition nicht behoben werden konnte. Für das, was ich vorhabe, gefällt mir die Splittermond Einsteigerbox besser. Sie setzt auf einem etwas höheren Niveau ein und bietet den Spielerinnen und Spielern dafür mehr eigene Möglichkeiten. Aber mit dem Erben des Drachenritters macht man auch nichts falsch.

Bis zum nächsten Mal

Gruß

A.

(Wie sieht eigentlich die entsprechende DnD5-Starterbox aus?)