Ich verstehe die Old School nicht.

von ackerknecht

Dieser Eintrag liegt seit über einem Jahr in meinen Entwürfen. Vor ein paar Wochen habe ich ihn endlich zu Ende geschrieben, aber immer noch nicht veröffentlicht. Ich schwanke zwischen „zu eindimensional und provokant“ einerseits und „zu eindimensional und langweilig“ andererseits. Aber bevor ich mir die neueste Folge vom Eskapodcast zum Thema OSR anhöre, haue ich erstmal einen raus, ohne Rücksicht auf Verluste.

Ich verstehe die Old School nicht.

Naja, richtigerweise müsste es heißen „Ich verstehe die Old School Fibel nicht“. Ursprünglich habe ich diesen Beitrag vor angefangen, als zum Gratis Rollenspiel Tag die „OSR Fibel“ in deutscher Übersetzung bei System Matters erschienen ist. Die aktuelle Vertonung beim Eskapodcast bringt mich jetzt dazu, den Text zu vollenden. Die vorgelesene Version der Fibel findet Ihr hier.

Der genannte Leitfaden macht es nicht besser. Bei mir fingen die Missverständnisse mit der Definition eines „modernen Spiels“ an. Die Fibel beklagt, dass „moderne“ Systeme starr und unflexibel sein würden. „Moderne“ Spiele hätten ein enges Regelkorsett und würden den Spielern zu wenig Raum lassen, um coole Aktionen zu improvisieren. Die Fibel meint mit „modern“ anscheinend Systeme wie Pathfinder oder DnD4. Ich aber dachte bei „modernen“ Spielen zuerst an FATE oder PbtA-Systeme. Damit wäre diese Kritik wenig sinnvoll.

Meine Kritik befasst sich im Wesentlichen mit dem folgenden Beispiel: Die Spielercharaktere schleichen in erhöhter Position an einer Gruppe Goblins vorbei. Ein Charakter will den Geländevorteil nutzen und mit einem Sprung hinab die Goblins angreifen. Laut der Fibel würde das mit einem modernen System (wie PF/DnD4) nicht funktionieren, wenn das Regelsystem so ein Manöver nicht vorsieht.

Warum nicht? Ich könnte in Pathfinder genau wie in einem OSR-Spiel „Jau, geile Aktion, Dein Angriff ist um +2 verbessert, aber wenn es schiefgeht, verdrehst Du Dir Deinen Knöchel“ sagen. Wer sollte es mir verbieten? Das einzige Hindernis sähe ich in Spielen wie DSA4.1, wo es bestimmt eine Sonderfähigkeit „Todessprung“ gibt. Wenn man die nicht hat, entfällt der Sprungangriff. Aber: Dafür hat man bei der Generierung andere coole Fertigkeiten gekauft. Ich käme ja auch nicht auf die Idee zu sagen „Wär das jetzt cool, wenn mein Barbar zaubern könnte.“ Wenn ich zaubern wollte, hätte ich mir zu Spielbeginn Zauberformeln besorgt. Aber das ist schon ein sehr spezielles Problem. Wo vor könnten Spieler sonst noch Angst haben? Dass die SL Präzedenzfälle schafft, wenn sie einen Todessprung außer der Reihe zulässt? Für solche Sorgen gibt es die Session Zero. Da kann man den Umgang mit spontanen Ideen, die möglicherweise dem Regelwerk widersprechen, vorher in der Gruppe klären. Vielleicht hat man ja Spieler, die „by the book“ spielen wollen. Wichtiger ist aber:

Old school Regeln bieten mir hier keine Lösung. Zumindest keine Lösung, die ein DnD5 oder ein Pathfinder nicht auch bieten könnte. Old School Systeme zwingen vielleicht zum improvisieren, da sie an vielen Stellen schwammig formuliert sind. Aber warum sollte ich ein OSR-System nehmen, das mich zum improvisieren zwingt, und nicht eines, das mich zur Improvisation motiviert (und mir Werkzeuge dafür gibt), wie FATE? Oder ein Minimalsystem wie World of Dungeons, das nur auf Improvisation angelegt ist (und keine Regeln dazu enthält, wie viele W6 Bedienstete auf der Burg meines Stufe 10 Kriegers leben). Wieso haben diese Systeme in der OSR-Szene so einen schlechten Leumund? Sind diese Aspekte vielleicht gar nicht wichtig in der OSR?

Die Fibel lässt mich ratlos zurück. Sie will mir erzählen, dass Handball cool ist, weil man mit dem Ball auch Fußball spielen kann. Basketball hingegen wäre doof, weil man mit dem Ball nicht so gut kicken kann. Warum ich nicht einfach Fußball spielen soll, wenn ich Fußball spielen will, warum die Old School gut sein sollen, das kann ich der Fibel nicht entnehmen.

Vielleicht versteh ich das alles auch falsch. Aber zumindest die Greifenklaue hat angedeutet, die Fibel ähnlich kritisch zu sehen. Vielleicht sollte ich seinen Podcast dazu mal hören.

Beste Grüße

A.