One Shots, Teil 2

von ackerknecht

Bei meinen vom Eskapodcast inspirierten Ausführungen zum Thema „One Shots“ habe ich einen Aspekt vergessen: Die Frage „Vorgenerierte Archetypen oder selbsterstellte Charaktere?“ Dazu schreibe ich glatt noch einen zweiten Text…

Ich favorisiere ganz klar die Verwendung von vorher bereitgestellten Charakteren, und zwar aus vier Gründen. Zwei davon wurden bereitsim Eskapodcast angesprochen:

  • Vorgenerierte Spielfiguren haben, wenn man es richtig macht, einen Bezug zu Plot und NSC im zu spielenden Szenario. Das erhöht die immersion und den Spielspaß.
  • Die Spieler sind andererseits nicht stark emotional mit den Figuren verbunden und spielen ohne Verlustängste freier auf.

Der dritte Grund mag sich etwas nach Kontrollfreak anhören, aber: Als Spielleiter mag ich die zusätzliche Sicherheit. Vorgenerierte Charaktere geben mir als Leiter mehr Kontrolle über das Szenario, was mir gerade auf Cons mit unbekannten Spielern wichtig ist. Es sendet die Botschaft, dass sich die Spieler*innen ein Stück weit auf mein Spiel einlassen müssen. Das gibt mir Ruhe und mehr Souveränität.

Der vierte Grund ist sehr einfach: Ich habe mit selbst-mitgebrachten Charakteren keine guten Erfahrungen. Ich schildere dazu drei Beispiele:

Shadowrun. Bei einer Con-Runde wollten vier von fünf Spielern einen metamenschlichen Charakter spielen. Daraufhin der fünfte Spieler: „Jo, ich spiele meine Redneck-Revolverheldin. Die hasst alle Metas. Und Ausländer.“ Dann war der Spieler anfangs gekränkt, dass der Rest der Runde nicht auf sein Charakterspiel eingehen wollte. Er hat es dann aber glücklicherweise verstanden und sich auf den Plot konzentriert. Ich habe mich den ganzen Abend gefragt, wie man denn bitte auf die Idee kommt, einen Charakter, der pvom Hintergrund nur auf Ärger aus ist, mit in eine Runde zu nehmen, in der man niemanden kennt? Ich spiele in solchen Runden immer meinen harmlos-netten „Ich kenne euch alle nicht, aber klar steige ich mit euch runter in die Spinnenhöhle“-Stadtgardisten.

Es stellte sich heraus, dass das einfach sein Heimrunden-Charakter war. Seine Freunde konnten mit den ironischen Südstaaten-NRA-Klischeewitzen wohl besser umgehen, und er wollte einfach auf der Con ein paar Erfahrungspunkte abgreifen. Dementsprechend wurde er auch ganz schön blass, als das Szenario aus em Ruder lief und sich in Richtung „Total Party Kill“ entwickelte…

Space 1899. Auch hier geht es um eine Conrunde. Drei von vier Spieler nahmen einen der vom Leiter zur Verfügung gestellten Archetypen. Die vierte Spielerin hatte ihren sehr erfahreren Hauptrunden-Charakter mitgebracht. Dieser war nicht nur in allem besser als die Anfänger-Archetypen, er hatte mittlerweile auch einen marsianischen Butler als Gefolgsmann. Damit konnte die Spielerin, als sich die Gruppe aus Versehen aufgeteilt hat, an beiden Schauplätzen mitmischen. Was die Spielerin, die eine ziemliche Rampensau war, auch leidenschaftlich genutzt hat. Amüsantes Detail am Rande: Das Szenario spielte in einer deutschen Kolonie, dementsprechend waren alle Spielfiguren deutschsprachig, bis auf den Expertencharakter – der konnte nur englisch. Einer der Archetypen war bilinugal und konnte übersetzen. Da dessen Spieler aber gerade von einer anstrengenden Schicht zur Con gekommen ist, hat dieser Spieler den ganzen Abend nichts anderes gemacht, außer im Halbschlaf „ich übersetz das“ zu murmeln. Bemerkenswert fand ich, wie diese unvorteilhafte Gruppenzusammenstellung auch ein wenig auf Werte fokussiertes System wie Space 1899 entgleisen lassen konnte.

DSA. Diese Runde fand nicht auf einer Convention, sondern im privaten Umfeld statt. Ich habe einen One Shot für zweimal zwei Freunde aus unterschiedlichen Gruppen geleitet. Die ersten zwei waren vom Spielertyp am ehesten „Method Actors“ sie waren aber auch sehr hintergrund- und vor allem regelfest. Obwohl sie beileibe keine Powergamer waren, haben sie ihre Charaktere doch sehr „straight“ gebaut – kein Generierungspunkt wurde verschwendet, jede Fertigkeitspunkt war genau angelegt. Die beiden anderen waren „Storyteller“-Spieler und nicht besonders an den Feinheiten der DSA-Regeln interessiert. Vor allem haben sie den aventurischen Hintergrund ganz anders als das erste Paar interpretiert. Diese Runde mit selbstmitgebrachten Spielfiguren nahm kein gutes Ende.

Wenig Erfahrungen habe ich übrigens mit dem Ansatz „Wir generieren unsere Charaktere gemeinsam im Vorfeld des One Shots.“ Das habe ich einmal auf einer Con gemacht und einmal als Spielleiter mit Freunden. Es lief beide Male gut, von daher würde ich diesen Ansatz gerne weiter testen.

Beste Grüße

A.

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