Schnellstarteranalyse: The Expanse Quick Start

von ackerknecht

Seit gut zwei Wochen kann man auch in Deutschland die dritte Staffel der Sci-Fi-Serie “The Expanse” in Deutschland gucken. Da ich ein großer Fan bin, habe ich mich auch sehr gefreut, als ich auf PnPNews.de einen Link zum gratis verfügbaren Schnellstarter gefunden habe.  Den habe ich mir etwas genauer angesehen. Vielleicht mache ich aus diesen Schnellstarter-Rezensionen was größeres, die Sektion des Midgard-Einsteigerheftes hat mir jedenfalls sehr viel Spaß gemacht. Jetzt aber auf in die Expanse!

Zum Setting will ich eigentlich nicht viel sagen: Lest die Bücher oder guckt die Serie! Es dürfte jedem gefallen, der sich ein wenig für (harte) SF interessiert. Für Kenner eine kurze zeitliche Einordnung der Starterheftes: Er spielt auf Ganymed zum Ende der zweiten Staffel (bzw. mittig im Buch “Calibans Krieg”). Der Schnellstarter spielt nur auf dem Jupitermond und lässt daher ein paar Expanse-typische Elemente (z. B. alles, was mit Raumflug zu tun hat) erst einmal außen vor. Doch dazu später mehr. Erst einmal die harten Fakten: Der “The Expanse Quick Start” ist umsonst im Webshop des Publishers Green Ronin verfügbar. Eine Registrierung im Shop ist allerdings notwendig. Bisher gibt es nur eine englische Sprachversion. Das Heft umfasst 42 Seiten, die sich wie folgt aufteilen: 10 Seiten Regeln, 12 Seiten Charaktere, 16 Seiten Abenteuer und 4 Seiten Sonstiges Eine explizite Weltbeschreibung gibt es nicht. Wie sich die Inhalt und Umfang anderer Starterhefte darstellen könnt Ihr eine meiner Rezi des Midgard-Einsteigerheftes nachlesen.

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The Expanse Roleplaying Game – die Rechte liegen beim Green Ronin Verlag.

Regeltechnisch verwendet The Expanse das AGE-Regelsystem. Dieses System gefällt mir ausnehmend gut. Die Grundmechanismen von AGE sind:

  • Es gibt recht viele Attribute, in The Expanse sind es derer neun. Diese Attribute haben Werte im Bereich von -2 bis 4.
  • Fertigkeiten („Focus Skills“) sind digital: Entweder man hat sie, oder man hat sie nicht.
  • Bei einer Probe würfelt man 3W6 plus den entsprechenden Attributswert plus zwei Punkte bei einer vorhandenen Fertigkeit plus/minus Situationsmodifikatoren gegen einen Zielwert.
  • Einer der 3W6 hat eine andere Farbe. Dieser “Drama Dice” entscheidet über die Qualität des Probenerfolgs.
  • In verschiedenen Szenen, vor allem im Kampf, generiert ein Pasch der gleichfarbigen Würfel “Stuntpunkte” in Höhe des Wertes des Drama Dice. Diese Stuntpunkte können sofort für Kampfmanöver eingesetzt werden.

Wenn ich mal selber ein System schreiben würde, dann wäre es wohl nah an AGE. Etwas komisch finde ich die Qualitätsprüfung, aber egal – es heißt schließlich Drama Dice, und nicht “Wie-gut-war-meine-Töpfern-Probe”-Simulationismuswürfel. Lediglich den Mechanismus zu den Stunts finde ich sehr gewöhnungsbedürftig. Ich bin es gewohnt, mir erst zu überlegen, ob ich eine Finte schlage oder dem Gegner in die Weichteile trete, und dann darauf zu würfeln. Nicht umgekehrt. Ärgerlich finde ich, dass das System auf Battle-Maps und dergleichen verzichtet, aber trotzdem Reichweiten in konkreten Meter-Angaben macht. Das ärgert mich seit jeher schon bei DSA. Wenn man ein kartenloses Kampfsystem “fürs Kopfkino” macht, dann sind die einzigen Entfernungsklassen bitte “Im Handgemenge”, “In Nahkampfdistanz” und “In Fernkampfreichweite”. Grundsätzlich haben die Regeln im Quick Start eine angenehme Tiefenschärfe, auch Dinge wie Zustände, Proben gegen Widerstände oder Sonderfertigkeiten werden angerissen.

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Ursprünglich das System zur Dragon Age Reihe: Adventure Game Engine.

Das Setting wird wie gesagt nicht explizit vorgestellt. Das enthaltene Abenteuer spielt kurz nach dem Ganymed-Zwischenfall auf eben jedem Mond. Daher konzentrieren sich die Regeln auch auf das Spiel in einer planetaren bzw. lunaren Basis – das ist für einen Schnellstarter angemessen. Mich hätten aber beispielsweise die Regeln zur Schwerelosigkeit interessiert. Mit seiner realistischen Darstellung ist “The Expanse” anderen Space Operas weit überlegen.

Den Spielercharakteren wurde angemessen Platz eingeräumt. Alle Beispiels-SC sind auch ihrem 2-Seiten-Dokument auch in ein-zwei Sätzen kurz charakterisiert, so kann man auf Cons schnell den SC schnappen, welchen man möchte. Die SC-Gruppe ist die Besatzung eines unabhängigen Raumfrachters. Dieser Frachter ist so nah an der Serie, man hätte ihn auch die Recinonte unter Kapitän Jonathan “Jon” Halden nennen können. Aber das ist schon OK, das wollen die Leute sehen. Der “Star Wars – Am Rande des Imperiums”-Starter schlug in dieselbe Kerbe. (“Nein, dieser YT1300-Transporter ist rot, und ihr klaut den von einem ganz anderen Hutten in einer ganz anderen Stadt auf Tattooine…”)

Schade ist, dass die Charaktere lediglich die üblichen Space-Opera-Standard-Darsteller wie Con Man, Medic und Wench Wrench sind. “The Expanse” zeichnet sich gerade durch komplexere Charaktere wie Amos Burton aus. Aber schwierige Themen gibt es noch genug im Abenteuer….

Das Abenteuer “Cupbearer” legt dann auch gleich los mit Prostitution und sexueller Abhängigkeit. Kai Dardanus ist Sexarbeiter und der derzeitige Favorit des Ganymeder Mafiabosses. Dardanus will aus dessen Abhängigkeit entkommen und in den Schoss seiner reichen Eltern zurück. Die SC werden von diesen beauftragt, den Sohn von Ganymed wegzuholen. Nur leider ist Dardanus im Chaos nach dem Ganymed-Zwischenfall in der Station untergetaucht und nicht leicht zu finden. Das Abenteuer ist eine gute Einführung in Setting und Mechanismen. Leider erinnert mich der Schreibstil an frühe Shadowrun-Abenteuer. Der Plot ist anhand von Verknüpfungen wie “Wenn die SC nach dem Container suchen, dann…” aufgebaut. Sowas klappt nie! Spieler kommen nie auf die Ideen, die das Abenteuer vorschlägt. Hier ist einiges an Spielleiterkönnen gefragt, umd die entsprechenden Hinweise subtil einzustreuen, ohne die Spieler zu gängeln. Aber als grundsätzliche Einführung in das System taugt „Cupbearer“.

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Eine Anleitung, wie man mal keinen Spaß im Kino hat: Bingt die erste Staffel Expanse, und guckt im Anschluss den Eröffnungsraumkampf von The Last Jedi. Weil wir gerade Karneval haben, will ich gerade noch etwas zu den angeteaserten Schiffskampfregeln schreiben. Auch diese drehen sich im wesentlichen um “Stunts” Das finde ich ein wenig schade. Bei “The Expanse” zerfällt der Raumkamps gefühlt in zwei Phasen. als erstes den “Fernkampf”, in dem anhand von Sensor-Informationen Raketen und Torpedos auf gut Glück in die Schwärze des Vakuums gefeuert werden. Danach folgt der Nahkampf, bei dem es mit Partikelkanonen und Manövern “auf Sicht” deutlich hektischer zur Sache geht. Die geschilderten “Stunts” fallen zwar immer in eine dieser Kategorien, aber es ist mir alles zu vermischt und damit verwässert.

Fazit: Mir gefällt “The Expanse” als Universum und mir gefällt AGE als Regelsystem. Leider passen beide nicht recht zusammen: Zu “The Expanse” hätte meiner Meinung nach ein hartwurstigeres, simulationistischeres System gepasst. Dies ist das Expanse-Alleinstellungsmerkmal gegenüber den anderen Weltraumopern.