Würfel, Zucker, Kegelkugeln

von ackerknecht

Oder: Das 1W9-Regelsystem. Neulich habe ich einen alten Kumpel von mir in der Freien und Hansestadt Hamburg besucht. Unter anderem waren auf meinen Wusch hin im Lokal „Würfel&Zucker“. Das ist ein recht junger Gastronomiebetrieb, der sich folgende Nische rausgesucht hat: Brettspiele. Das Café verfügt über geschätzt eine Bazillion Karten-, Gesellschafts-, Würfel- und andere Spiele, die man vor Ort spielen kann. Dazu kommt noch eine gut sortierte Getränkekarte, und die Küche ist auch schwer in Ordnung. Wer also mal nach Hamburg kommt und ein wenig spieleaffin ist, der sollte einen Besuch einplanen (nur sollte man vorher einen Tisch reservieren).

Uns ist aber noch eine andere Sache im Gedächtnis hängen geblieben: Anscheinend hat die Betreiberin, zusammen mit dem Gastrobetrieb, auch die Bundes-Kegelbahn im Keller mit übernommen (bzw. übernehmen müssen). Diese kann man nun ganz regulär als Kegelbahn mieten, man kann aber auch den Sitzbereich am oberen Bahnende als Clubraum für Rollenspielrunden nutzen. Ich bin ein großer Fan des „on-location“-Spiels. Ich spiele relativ regelmäßig Fantasy-P&P in der örtlichen Mittelalterkneipe, ich plane immer noch, eine Runde „Finsterland“ in einer gehobenen Konditorei zu spielen, ich will unbedingt in einer Kneipe meiner alten Uni-Stadt, die schon steampunkig eingerichtet war, bevor es das Wort „Steampunk“ überhaupt gab, eine Runde Space 1889 spielen. Was könnte man also auf einer Kegelbahn spielen?

Mein erster Impuls war eine Runde Fiasko in einem „Big Lebowski“-Setting, aber das ist erstens Bowling und zweitens zu einfach. Die zweite Idee war dann eine Runde „Kids on Bikes“ – als Kind der 80er habe ich mehr als einen Kindergeburtstag bei Pommes und Fanta auf der Bundeskegelbahn unter extrem gewöhnlichen, norddeutschen Gaststätten verbracht. Aber Kindheits-Nostalgie-Spielrunden finde ich schwierig: Bestenfalls wird es ein tränenrühriges „Ach wisst Ihr noch“ mit Erinnerungen an vermeintlich bessere Zeiten. Schlimmstenfalls reißt man alte Wunden wieder auf. Daher Idee Nummer drei: Wir nutzen die Kegelbahn nicht als Setting, sondern als Regelelement. Ich präsentiere daher stolz: den ersten Entwurf zum 1W9-System.

Grundzüge. Die nachfolgenden Regeln gehen davon aus, dass die bespielte Kegelbahn eine manuelle Wiederherstellungsfunktion hat, mit der man auf Knopfdruck die Kegel wieder hinstellen kann. Die 80er-Jahre-Bundeskegelbahnen meiner Erinnerung hatten sowas immer. Die Zahlen, die jetzt kommen sind erste Abschätzungen. Das Feintuning muss man wohl im Laufe eines Spieleabends durchführen – schließlich ist dieses System doch sehr stark von den Kegelfähigkeiten der jeweiligen Gruppe abhängig. Ein Charakter wird durch drei Eigenschaften definiert, auf die man zu Beginn 10 Punkte verteilt (mit einem Höchstwert von 5): Kraft, Intelligenz und … Charisma (nicht Geschicklichkeit, da komme ich gleich zu).

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Dazu kommen noch zwei Fertigkeitspunkte, die man auf eine oder zwei frei wählbare Fertigkeiten (z. B. Klettern, Sagen & Legenden, Runenkunde, Survival, …) verteilen kann – entweder zwei Fertigkeiten mit +1 oder eine Fertigkeit mit +2. Wenn es zu einer Probe kommt, legt der Spielleiter eine Schwierigkeit fest. Dann wird einmal gekegelt und der passende Attributswert sowie ggf. passende Fertigkeiten addiert. Wird der schwierigkeitswert erreicht oder übertroffen, ist die Probe ein Erfolg.

Ein kleines Beispiel: Alrik der Krieger hat Kraft 5 und die Fertigkeit „Kraftakte“ auf +2. Er versucht ein Gitterfenster aufzubiegen (Schwierigkeit 11). Sein Spieler muss also mindestens 4 Kegel erwischen, um Alrik aus dem Kerker zu befreien. Alriks Gefährtin, die Diebin Neomi, hat nur einen Kraftwert von 1. Sie könnte das Fenster also nicht knacken, es sei denn, wir führen spontan noch eine Regel zu „explodierenden Kegeln“ ein – wer alle Neune trifft, der darf noch einen zweiten Wurf machen. Das Gegenstück dazu, der allseits unbeliebte Patzer, heißt hier übrigens Pumpe. Ein solcher Null-Kegel-Wurf reitet den Handelnden in echte Probleme. Zurück zu unserem Beispiel: Wahrscheinlicher ist es, dass Neomi als Diebin einen anderen Ausweg sucht. Das bringt uns zum…

Sonderfall: Die Geschicklichkeitsprobe. Ein alter D&D-Zocker hat mir mal erklärt, dass D&D auf Regeln zur sozialen Interaktion größtenteils verzichtet, weil man das am Spieltisch ausspielen könne. Wenn man schon ein so geschicklichkeitsabhängiges Würfelsystem verwendet, dann nutzen wir das auch. Diese Wikipediaseite nennt besondere Kegelwürfe, die wir als Geschicklichkeitstests nutzen werden. Eine Geschicklichkeitsprobe mit Schwierigkeit 12 erfordert einen „Königsmord“, für eine 3 reicht ein (sehr eingängig benannter) „Kackstuhl“.

Der Kampf ist das letzte Regelelement in diesem Schnellstarter. Spielercharaktere verfügen über aktiv ausgewürfelte Angriffe und Verteidigungen, bei den gegnerischen NSCs sind diese Werte statisch. Die Spielleitung würfelt mithin nicht. Der Angriffswert eines SCs wird durch seine Waffe modifiziert, seine Verteidigung durch die Rüstung. Bei der Generierung kann man auch einen oder beide der Fertigkeitspunkte auf Angriff oder Verteidigung legen. Daneben haben SC und NSC natürlich noch einen Wert für Lebensenergie, diesen müsste man auch nach den individuellen Kegelfertigkeiten der Gruppe festlegen.

Ein kurzes Beispiel für den Kampf: Krieger Alrik führt ein Breitschwert (Angriff 1W9+4) und trägt eine Lederrüstung (Verteidigung 1W9+3). Er kämpft gegen einen Ork, der einen gezackten Krummsäbel (Angriff 10) und eine primitive Fellrüstung (Verteidigung 2) trägt. Die Lebensenergie setze ich auf 40 Punkte (Alrik) und 30 Punkte (Ork). Zuerst schlägt Alrik zu: Sein Spieler kegelt eine 5, das heißt, der Ork erhält 5+4=9 Schaden, von denen seine Rüstung noch einmal 2 Punkte absorbiert. Die Lebensenergie des Orks beträgt nunmehr 23 Punkte. Jetzt schlägt der Ork zu: Alriks Spieler kegelt bei der Verteidigung eine 4, das heißt er kann von den 10 Angriffspunkten des Orks 4+3=7 Schaden abwehren, Alriks Lebensenergie beträgt jetzt noch 37 Punkte.

So viel als erste Idee… Ich wünsche Euch viel Spaß, einen guten Rutsch ins neue Jahr und

Alle Neune!

Gruß

A.

(Das Bild der kegelnden Kinder ist von Daniel Chodowiecki aus dem Jahr 1774, stammt von den Wikimedia Commons ist dort als gemeinfrai lizensiert.)

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