Zuhausebleiben ist das neue Weggehen

von ackerknecht

Vor ein paar Wochen jährte sich die Pleite des Bankhauses Lehman Brothers zum zehnten Mal. Als dieses „Jubiläum“ und die mittlerweile wohl überwundene Finanzkrise kurz durch die Presse gingen wollte ich schon was dazu bloggen. Aber erst ein kurzer Artikel bei „Nerds gegen Stephan“ hat mich endlich dazu gebracht mich an die Tastatur zu setzen. Hier sind also meine Gedanken dazu, wie die Finanzkrise unser Hobby verändert hat…

2008 bis 2010 habe ich im Umfeld der Nahrungs- und Genussmittelwirtschaft gearbeitet. Bei Recherchen zu einem Thema bin ich auf eine Studie einer Werbeagentur gestoßen, die den Lebensmittelmarkt analysiert hat. Dabei stellten die Werber (deren Studie ich leider gerade nicht mehr wiederfinde) folgende These auf: In den Jahren nach der Lehman-Pleite haben der Lebensmitteleinzelhandel und die Discounter Luxus-Eigenmarken neu eingeführt. Ohne Namen oder Ketten zu nennen: Wer selber einkaufen geht sollte wissen, was ich meine. Diese Luxus-Nahrungsmittel sind eine direkte Folge des Wegfalls von Kaufkraft in Folge der Wirtschaftskrise.

Wie passt das zusammen? Die Leute haben weniger Geld in den Taschen, und in der Folge kaufen sie Luxus-Lebensmittel im Supermarkt? Die Antwort liegt in dem, was sie jetzt nicht mehr kaufen. Die Finanzkrise hat dazu geführt, dass die Leute weniger ausgehen. Aus „Essen gehen, Kino und was trinken“ ist „ein gemütlicher Abend zuhause“ geworden. Und wenn man schon zuhause sitzt und Tiefkühlpizza und Supermarkt-Rotwein konsumiert, dann sollten es wenigstens die Ziegenkäse-Sundried-Tomato-Pizza und der Premium-Rotwein sein. Auch der kometenhafte Aufstieg der Streaming-Dienste ist eng mit der Finanzkrise verbunden.

Was ist aber, wenn man was mit Freunden machen will? Allmählich komme ich meinem eigentlichen Thema näher… Die Spielebranche hat mittlerweile ihre Chance erkannt und versucht, diesen Trend, das im Titel benannte „Zuhause ist’s am besten“ für sich zu nutzen. Dabei müssen die Bedürfnisse einer neuen, vorher eher nicht besonders Spiele-affinen Zielgruppe berücksichtigt werden. Die Branche hat dafür anscheinen folgende vier Faktoren ausgemacht:

  • Die Spieldauer darf ruhig abendfüllend sein, wenn der Einstieg ins Spiel leicht gelingt.
  • Der Preis muss leicht vergleichbar mit alternativen Angeboten sein. (Die gängige Referenzgröße ist die Kinokarte…)
  • Komplexität ist möglich, wenn sie nur von einem Spieler gefordert wird (der dann der Erklärbär für seine Freunde ist).
  • Auf Wiederspielbarkeit wird kein Wert gelegt.

Letztes Jahr habe ich zum Beispiel zu Weihnachten mehrere „EXIT„-Spiele geschenkt bekommen, die genau auf diese Marktlücke zielen: Ein gemütlicher Abend mit Freunden, ein Spiel dazu, und nächstes Mal macht man halt was anderes. Damit bin ich jetzt endlich auch bei „Nerds gegen Stephan“ angekommen: Das dort rezensierte „WH40K – Im Labyrinth der Necrons“ geht in eine ähnliche Richtung. Der Gedanke könnte sein, dass ein einzelner an WH40K-Interessierter angesprochen wird, der das Spiel einen Abend mit seinen leicht nerdigen (aber nicht TableTop-spielenden) Freunden zockt und sich am Ende über fünf neue Space Marines für seine Sammlung freut. Auch die interessanten Bezugsquellen unterstützen den Eindruck, dass hier leicht nerdige Spieler, aber keine Hardcore-Zocker angesprochen werden sollen.

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Auch bei Rollenspielen werden die Schwellen für den Einstieg wie auch für die Vorbereitung eines Abends immer weiter gesenkt. Richtig konsequent ist das aber erst bei einem Anbieter passiert. Die Einsteigerboxen zu den Star-Wars-Spielen von FFG machen so ziemlich alles richtig. Die Regeln sind gut und verständlich aufgearbeitet, die Archetypen ermöglichen einen schnellen Einstieg, und die mitgelieferten Abenteuer ermöglichen einen gut gefüllten Abend bei gerinegem Vorbereitungsaufwand. Die Splittermond-Einsteigerbox und die dazugehörigen Mondsplitter machen schon sehr viel richtig, könnten aber noch stärker in sich geschlossen sein. Gleiches gilt für das Heldenwerk von DSA: Hier könnten tolle Spezialabenteuer entstehen, wenn man zum Heldenwerk gleich eine Themengruppe an Abenteurern bereitstellen würde. So wäre das zurecht verrissene „Sklaven für eine Nacht“ beispielsweise ein viel besseres Szenario, wenn die Beispielsklaven gleich mitgeliefert würden…

Das schwarze Auge sah ich eigentlich als Verlierer bei dieser neuen Entwicklung im Rollenspielbereich… dann habe ich eine Werbung für die bald erscheinende Basisbox gesehen… aber dazu schreibe ich einen eigenen Text… morgen.

Bis dahin nur das Beste,

A.

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