Blau ist eine warme Farbe. Ein Kurztrip nach Arwingen.

von ackerknecht

Die erste Regionalspielhilfe für Splittermond ist erschienen, es geht in die Einsteigerregion von Lorakis. Die „Arwinger Mark“ ist ein beschaulicher Landstrich im selenischen Kaiserreich, also auf dem dragorei‘schen Subkontinent. Da die Mark ursprünglich schon im Grundregelwerk vorgestellt werden sollte, kann man die Spielhilfe genau wie das Regelwerk umsonst herunterladen. Grund genug, einen Blick in Form einer Kurzrezension auf das Werk zu werfen.


Das PDF-Dokument „Die Arwinger Mark“ hat mein Privatkopienkonto um weitere 58 Seiten ins Soll gebracht. Die Regionalbeschreibung geht bis Seite 27, daran schließen zwei kurze Abenteuer an. Beim ersten Abenteuer „Zwist der Geschwister“ geht es um eine urbane Schnitzeljagd in der Provinzhauptstadt Arwingen. Das zweite Szenario „Seelenqualen“ führt in das Seelenmoor, wo ein klassischer SeelenDungeoncrawl stattfindet. Die Publikation ist technisch hochwertig und schön illustriert. Dass Splittermond-Publikationen in ihrem Corporate Design einer Leitfarbe folgen, dürfte mittlerweile jedem aufgefallen sein. Ich musste in dem Zusammenhang bei der Anspielung auf das Festgewand der Arwinger schmunzeln…
Alles so nett hier. Arwingen liegt in denselben Breiten- und Längengraden wie die meisten Einsteigerregionen im Fantasygenre: Das Klima ist mitteleuropäisch, der Monarch ist mächtig, das Lebensgefühl ist idealisiert-mittelalterlich. Es gibt eine aufstrebende Hafenstadt, düstere Wälder, ein hohes Gebirge und das geradezu obligatorische gruselige, düstere Moor. Die unmotivierte Beschreibung deutet schon darauf hin: Leider bleibt die Arwinger Mark nach erstem Überfliegen ziemlich blass. Vielleicht bin ich als erfahrener Rollenspieler voreingenommen, aber mich reizt die generische Umgebung nicht. Die umliegenden Regionen sind mit Sarnburg (Mondpfad), Kristallsee (Seealben) und Verheerten Landen (Wächterbund) sehr viel interessanter – und diese Regionen zeigen auch die Besonderheiten von Lorakis. (Auch wenn der Wächterbund – zumindest nach meinen limitierten Con-Erfahrungen – leider die falschen Leute anzieht.) ABER! Ein Rollenspiel-Anfänger mag all diese Dinge anders sehen und mehr Interesse an solch einer gerade für Spielleiter „harmlosen“ Region haben.
Der unpassende Vergleich. Liebes Splittermondteam, es tut mir leid. Ich werde es wohl niemals hinkriegen, über Euer Spiel zu schreiben, ohne einen DSA-Vergleich anzustellen. Das ist ungerecht, und Ihr habt besseres verdient. Trotzdem: Das DSA4.1-Basisregelwerk stellt Nostria & Andergast als Einsteigerregion vor, und das ist sehr gut gelungen: Die Region eignet sich gut für mittelalterliches / märchenhaftes Spiel (das, was manchmal despektierlich als „Hotzenplotzgaming“ bezeichnet wird). Dazu werden konkrete irdische Inspirationen genannt (Robin Hood, Ronja Räubertochter, …), damit man sich als unerfahrener Spielleiter schnell in Szenarien reindenken kann. Man kann in der Region viel ausprobieren, ohne den Metaplot zu berühren (und das in Aventurien, wo man mit dem Metaplot in Konflikt gerät, wenn man sich einen Namen für irgendeinen Gastwirt ausdenkt). Auch hier sind mit dem Orkland, Weiden und Thorwal interessante und beliebte Regionen direkt benachbart. Die größte Stärke ist allerdings der unverwechselbare Charakter der Region mit dem Kleinkrieg „Fischköppe vs. Baumschubser“. Für solche Sachen braucht man aber auch eine Welt, die 20 Jahre Rollenspiel-Weltentwicklung vorweisen kann. (Ich bin nebenbei bemerkt immer wieder erschrocken: Ich halte das DSA4.1-Basisbuch immer noch für ein topaktuelles Rollenspielprodukt. Dabei hat es auch schon wieder neun Jahre auf dem Buckel.)
Der entscheidende Unterschied. Bei DSA4.1 fehlte aber ein entscheidendes Element: Was die „Arwinger Mark“ zu einer wirklich gelungenen Spielhilfe macht, sind die zwei Abenteuer. Ich will diese gar nicht groß spoilern, deshalb in aller Kürze: Auch hier wird das Rad nicht neu erfunden. Es gelingt den Autoren aber, den Plot jeweils mit spezifisch lorakischen Details aufzupeppen. Nach der Regionalbeschreibung habe ich mich schon gefragt, was diese Region eigentlich besonders macht. Nach den Abenteuern hatte ich eine wesentlich deutlichere Idee dazu.
Das Fazit. Dass jeder, der sich auch nur ansatzweise für Splittermond interessiert, das PDF herunterladen sollte, dürfte wohl klar sein. Ich käme mir verlogen vor, wenn ich eine Kaufempfehlung ausspräche: Immerhin habe ich das Produkt selber nicht gekauft. Hätte ich keinen Hochleistungs-Farblaser zur Verfügung, würde ich es aber kaufen. Es bleibt die Frage, für wen ist die Spielhilfe gut geeignet, für wen eher nicht?

  • Letzteres trifft am wahrscheinlichsten auf alte Rollenspielhasen zu, die den Weltband gelesen haben und seitdem auf Kriegszüge in Takasadu, Inselhopping in Siprangu oder Expeditionen nach Süd-Akurei hin fiebern. Solche Rollenspielprofis sollten den Hinweis auf die „Einsteigerregion“ aber auch selber finden und brauchen dafür keine Kurzrezensionen von irgendwelchen Ackerbauern.
  • Absolute Rollenspieleinsteiger, die mit Splittermond anfangen wollen, bekommen hier ein Rund-Um-Sorglos-Paket. Die „Arwinger Mark“ baut super auf dem Splittermond-Schnellstarter auf. Die Progression „Schnellstarter –> Regelwerk + Arwinger Mark“ verspricht einen amüsanten, frustrationsarmen Einstieg in ein tolles Hobby. Und das kostenlos!
  • Rollenspielerfahrene Umsteigewillige, die sich noch nicht sicher sind, was sie von Splittermond halten sollen, bekommen hier ein gutes Bild vermittelt.

Einsteiger-Spielhilfen haben das Problem, dass sie einerseits nicht zu hohe Einstiegshürden für Neulinge aufbauen dürfen. Andererseits sollen sie auch den Charakter und die „Alleinstellungsmerkmale“ des Systems betonen. Dies gelingt der „Arwinger Mark“ vor allem durch die Abenteuer. Das Splittermond-Regelwerk wird dank der „Arwinger Mark“ zu einer richtig runden Sache. Alles in allem ein gutes Produkt, und eine tolle Serviceleistung vom Uhrwerk-Verlag!

Mit dragorei‘schen Grüßen verbleibt
A.

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