Warum ich keine Bogenschützen mehr spiele.

von ackerknecht

Der November-Karneval der Rollenspieleblogs befasst sich mit „Mauern“. Ohne großartig darüber nachzudenken sind mir Ideen für zwei Texte in den Kopf gekommen, so dass ich dieses Mal zwei Blogeinträge für den Karneval schreibe. Der andere Artikel befasst sich mit der Mauer, über die im Moment alle reden und die auch Inspiration für diesen Karneval war. Dieser Artikel hier befasst sich mit der „Mauer in unseren Köpfen“. Beziehungsweise, mit einer Mauer in meinem Kopf.

Ich nähere mich dem Thema allerdings auf Umwegen. Der erste Schritt führt mich dabei zurück zur Überschrift: Warum ich keine Bogenschützen mehr spiele. Früher, als Rollenspiele noch cool und Oldschool (wie mein Vater) waren, habe ich immer den elfischen Bogenschützen gespielt. Das Konzept/Klischee ist so einfach, klar und brillant, dazu muss man wohl nichts weiter sagen. Ich habe relativ bald damit aufgehört, nachdem ich „IRL“ mit Bogenschießen angefangen habe.  Ich weiß seitdem einfach zu viel übers Bogenschießen, um es noch mit Spielspaß im Rollenspiel darstellen zu können. Ich weiß, dass „die Sehne aufspannen und einen Pfeil auflegen“ mehr als nur zwei Handgriffe sind. Ich weiß, dass man ein Bogen aus Naturmaterialen (also ohne Glasfaserverstärkung und vor allem ohne Nylon-Sehne) besser nicht im Regen abschießen sollte. Ich weiß, wie vorsichtig man mit einem Holzbogen umgehen sollte, um ihn möglichst lange benutzen zu können. (Ein Tipp: Anders, als ein reisender Abenteurer  dies wohl tun würde…)

Das Wissen um diese Dinge zwingt mich zu einem Spielstil, der mir nicht gefällt: Meine Bogenschützencharaktere wollen niemals überrascht werden. Wenn er auch nur einen Hauch von Hinterhalt wittert, dann sitzt mein Held bereits mit gespanntem Bogen auf dem Glockenturm der Boronkapelle. Pfeile sind bereitgelegt, für freies Schussfeld in alle Richtungen ist gesorgt. Mit anderen Worten: Ich werde zum Powergamer oder Munchkin. Irgendwann habe ich mir mal für DSA ein Heldenkonzept überlegt, bei dem Bogenschießen zwar wichtig, aber nicht die „Kernkompetenz“ des Helden ist. Ich bin bei einem bornischen Adligen gelandet, der zwar klassisch als Krieger am Langschwert ausgebildet wurde, aber seine Zeit lieber mit Bärentodt und der Jagd als mit Heldentaten verbringt. Quasi ein sewerischer Stutzer. Ausprobiert habe ich diesen Charakter noch nicht. Es hört sich, denke ich, vielversprechend an.

Aber es geht ja nicht nur um mich. Ich lasse diese Probleme auch als Meister meine Spieler spüren. Leider. Der Satz „Ich lege mich in meinen Schlafsack, meinen Bogen lege ich aufgespannt daneben“ ist für mich das Äquivalent von „Fingernägeln auf Schiefertafel“. Weil ich eben weiß, dass dieser Bogen dann am nächsten Morgen nur noch als Feuerholz taugt. Ein Kumpel war von alldem (zurecht) sichtlich irritiert und fragte, warum ich die Leute nicht einfach machen lasse? Dann laufen sie halt mit aufgespannten Bögen durch die Gegend, so what? Abgesehen davon, dass (zumindest bei DSA) der Zeitbedarf für das „einsatzbereit machen“ ein wichtiges „Balancing“ am Bogen als Waffengattung ist, kann ich es einfach nicht. Ich kriege es einfach nicht hin.

Das ist die Mauer in meinem Kopf. Ich weiß nicht viel über „reales Leben“ im Mittelalter, weniger als viele andere Rollenspieler. Ich bin mir z. B. ziemlich sicher, dass langhaarige Menschen keine Kettenhemden tragen sollten. Trotzdem habe ich keine Probleme mit rauschebärtigen Zwergen und Rondrageweihten mit wallender rotblonder Mähne. Ich habe ein recht gutes Bild davon, was man alles tun muss, um ein Pferd zu versorgen. Es stört mich aber nicht, wenn die Helden die Tiere vorm Dungeon stehenlassen, um sie ein paar Tage später wohlbehalten an selber Stelle abzuholen.

Diese Mauern im Kopf sehe ich auch oft genug bei anderen Spielern. Ich kenne LARPer, die kein Problem damit haben, sich die Jugendherberge von Winsen an der Luhe als Schloss Ilmenstein vorzustellen. Dafür kriegen sie einen dicken Hals bei Samt-Umhängen… Oder ein anderes Beispiel: Ein Kumpel aus meiner aktiven Shadowrun-Zeit ist Informatiker. Er hat nie einen Decker gespielt. Das hat zu SR-2-Zeiten wirklich niemand gern. Er hatte kein Problem, in einem Gelsenkirchen voller Orks, Geistern und Zauberern zu spielen. Aber als wir einmal ein Abenteuer mit einer künstlichen Intelligenz spielen wollten, hat er klar gesagt, so einen Quatsch würde er beim besten Willen nicht mitmachen…

Habt Ihr auch solche Sachen, wo Ihr beim besten Willen nicht über Eure  „Mauer im Kopf“ springen könnt?

Mit fragenden Grüßen verbleibt

A.

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