Berlin bei Nacht. Eine Kritik.

von ackerknecht

Der November-Karneval der Rollenspieleblogs befasst sich mit „Mauern“. Ohne großartig darüber nachzudenken sind mir Ideen für zwei Texte in den Kopf gekommen, so dass ich dieses Mal zwei Blogeinträge für den Karneval schreibe. Der andere Artikel befasst sich mit der „Mauer in meinem Kopf“. Dieser Artikel hier befasst sich mit einer alten Spielhilfe zu Vampire: The Masquerade. Die Städtebeschreibung „Berlin bei Nacht“ wurde, zumindest in meinem Bekanntenkreis, äußerst kontrovers rezipiert. Um es vorsichtig zu formulieren.

Weniger diplomatisch ausgedrückt: Wir haben uns die Köpfe eingeschlagen. Dabei gab es Vertreter beider Extreme, von „Supergeiler Band“ bis zu „Gehört auf den Müll. Sofort. Ungelesen.“

Bevor ich tiefer in die Kritik einsteige, drei Anmerkungen vorweg:

  • Die längste Zeit, die ich je in Berlin verbracht habe, waren vier Wochen im Winter 2009.
  • Zur Zeit der Wende habe ich meine Rollenspiele noch mit Holzschwertern im Baumhaus nach DKWDK-Regeln gespielt. In harter Auslegung.
  • Die Spielhilfe ist so alt, als ich mich intensiv damit beschäftigt habe dürfte ich so 16-17 Jahre alt gewesen sein.

Ich bin also vielleicht nicht unbedingt der beste Autor für eine Rezension dieses Produkts. Ich weiß zu wenig über das Leben und vor allem das Lebensgefühl im Berlin um 1990, um wirklich fundierte Aussagen treffen können. Ich versuche es trotzdem.

Der Band ist recht klassisch aufgebaut: Auf eine Geschichte der Stadt (vor allem aus Vampirsicht) folgt eine Beschreibung der wichtigsten Handlungsorte, dann werden die wichtigsten Vampire der Stadt sowie deren soziale Netzwerke vorgstellt. Zweiter Teil der Spielhilfe ist ein Abenteuer mit dem Titel „Kain’s Himmelfahrt“. Diese Chronik werde ich weiter unten in einem Halbsatz abhandeln.

Die Grundidee des Settings ist eigentlich ganz spannend: Die Trennung von Ost und West ist in Berlin (dank eines Rituals der Tremere) auch für Vampire knallhart vollzogen worden: für 40 Jahre war ein Grenzüberschreiten nicht möglich. In der Folge haben sich zwei voneinander getrennte Vampirgesellschaften etabliert: Im Osten hat der „alte“ Berliner Prinz weiter regiert, im Westen hat sein Sohn einen eigenen Rat der Erstgeborenen aufgestellt. Jetzt, kurz nach der Wiedervereinigung der Sethskinder, ist die Situation in etwa so stabil wie in einem Pulverfass: Formal halten beide Prinzen ihre Reviere voneinander unabhängig. Faktisch ist es nur eine Frage der Zeit, bis es knallt. Natürlich haben der Sabbat und andere Gruppen ein Interesse an einer möglichst großen Explosion…

Was ist jetzt also das Problem an dem Band? Wir (also meine erste Vampiregruppe vor ca. 15 Jahren) waren auf der Suche nach einer Schauplatz in Deutschland. Wir konnten und wollten uns nicht recht mit einem Spiel in den USA, wie es das Vampire-Grundregelwerk beschrieb, anfreunden. „Berlin bei Nacht“ war bei dieser Suche eine fiese Falle: Es ist eine von Amerikanern geschriebene, ins Deutsche übersetzte Spielhilfe. Das merkt man an jeder Stelle. Die Regionalbeschreibungen wirken, als hätte jemand einen Reiseführer genommen, und zu jedem Eintrag das passende World of Darkness-Element eingebaut („Grunewald? Hmmm… Vielleicht Werwölfe?“). Von den Albernheiten, die rauskommen, wenn sich amerikanische Autoren deutsche Namen ausdenken, will ich gar nicht anfangen. Oder doch: „Wilhelm Waldburg“, „Katarina Kornfeld“ und „Gustav Breidenstein“. Das unschönste ist jedoch der thematische Schwerpunkt: Es läuft fast alles im Vampire-Berlin auf irgendwelche Dinge hinaus, die zwischen 1933 und 1945 stattgefunden haben, inklusive Nazi-Prominenz als NSC-Vampire. Das soll jetzt kein Empörungsgestus werden („Oh nein! Wie konnten sie nur?“), es ist aber alles so plump gemacht… Bei ein paar Stellen frage ich mich, auch bei wiederholtem Lesen, ob ich gerade ein Quellenbuch zum Erzählspiel über die persönliche Tragödie oder zum Wolfenstein 3D-Rollenspiel in der Hand halte.

Und das soll dann auch schon das Fazit sein: Ich glaube, dieser Band ist ganz gut gut, wenn man Bock auf eine Vampire-Spielrunde hat, die im Stil bei „Inglorious Basterds“ angesiedelt ist. Ich hatte mal eine Gruppe, die vom Shadowrun her zur World of Darkness kam, die fand es super. Für die war ein gelungener Vampire-Abend aber auch verdammt nah dran am ersten „Blade“-Kinofilm… Für das klassische Erzählspiel ist das ganze denke ich weniger geeignet. Die NSCs und ihre Klüngel sind zwar liebevoll ausgearbeitet, aber zu platt und zu klischeehaft. Wofür die Spielhilfe meiner Meinung nach überhaupt nicht geeignet ist, ist ein realistisches  Spielweltgefühl des Berlins der 80er/90er Jahre herzustellen. Und das wäre zumindest mein Ziel, wenn ich einen „Mauer“-Themenabend beim Rollenspiel machen wollte. Da sehe ich mir lieber noch mal „Herr Lehmann“ an…

Achja, noch ein paar Worte zum Abenteuer: Es ist vollkommen überzogen, und in der präsentierten Form (gefühlt) nicht konform zur Hintergrundwelt. Es enthält aber (vor allem mit dem Schauplatz Museumsinsel) ein paar Elemente, die bei Ctuhlu/Mythos-affinen Spielern ganz gut ankamen.

Das nächste Mal rezensiere ich was, das mir gut gefällt.

Bis dahin die besten Grüße

A.

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