Fünf Editionen Shadowrun

von ackerknecht

Vor einiger Zeit konnte ich in den Kommentaren dieses Artikels entnehmen, dass Pegasus anscheinend seine Printprodukte stark subventioniert. Ob das stimmt kann ich natürlich nicht beurteilen. Wichtig ist aber eins: Das Shadowrun-5-Grundregelwerk kostet nur 20€! Das sind 40 Mark! Oder 80 Ostmark! 400 auf dem Schwarzmarkt! Zum Vergleich: Das Grundregelwerk der dritten Edition hat 80 Mark (West) gekostet! Dafür konnte man 16 Mal ins Kino gehen!

Geklaute Witze beiseite: Auch wenn ich leider kein Shadowrun mehr spiele, musste ich doch zugreifen. Jetzt habe ich alle fünf Ausgaben des Regelwerks. Und zu jedem habe ich was zu sagen.

Shadowrun 1. Hiervon habe ich mir 2002 eine gebrauchte Ausgabe in einem Comic-Shop in San Francisco gekauft. Übrigens in dem Comicshop, dem Cory Doctorow das 3. Kapitel seines Romans „Little Brother“ (den ich wärmstens empfehle) widmet. Das wollte ich schon immer mal irgendwo aufschreiben. Genau wie die 5. Edition wollte  ich auch die SR1-Regeln nur für die Sammlung haben. Bespielt habe ich diese Regeln mithin nie, was aber wahrscheinlich besser so ist… Man merkt dem Buch schon an, dass es im Wesentlichen um die revolutionäre Idee des Cyberpunk/ElvenDwarfOrc-Fantasy-Crossovers geht. Die Spielregeln sind, vorsichtig formuliert, als „Advanced“ zu bezeichnen. Allerdings wurden schon damals die möglicherweise ersten Regeln zu „Schicksalspunkten“ formuliert, welche die deutschen Rollenspielautoren ja zurzeit umtreiben.

 

Shadowrun 2. Mit diesem Regelwerk haben wir am meisten gespielt. Dementsprechend „verlebt“ sieht meine Ausgabe auch aus… Die Regeln waren deutlich weiter entwickelt als in der ersten Ausgabe, und mit viel Augenzudrücken und Handwedeln hat man auch einen flüssigen Spielfluss hinbekommen. Wir waren damals ein halbes Dutzend pubertierende männliche Jugendliche. Ihr könnt Euch vorstellen, wie gut das mit dem „Fünfe gerade sein lassen zum Wohl der Story“ funktioniert hat. Also, wir haben ein paar Schattenläufe tatsächlich ohne Geschrei und Morddrohungen zum Ende gebracht. Wir grüßen uns immer noch freundlich, wenn wir uns an Weihnachten im Heimatdorf über den Weg laufen. Noch nicht so ausgereift (husthust) waren allerdings die Matrixregeln. Wir haben es mehr als einmal versucht. Letztlich sind wir allerdings recht schnell dazu übergegangen, alle Abenteuer so zu modifizieren, dass sie spielbar waren, ohne ein Cyberdeck benutzen zu müssen. Einmal wollte unser Spielleiter mit unserem Hacker knallhart einen Matrixlauf durchziehen. Mit dem Rest der Gruppe habe ich an dem Abend die besten Partien NHL Hockey meines Lebens auf dem Sega Mega Drive gespielt.

 

Shadowrun 3. Dieses Buch habe ich auf die beste mögliche Art und Weise erworben, auf die man ein Buch erwerben kann: Vor 15 Jahren von einem Kumpel ausgeliehen und nie wieder zurückgegeben. SR3 markierte das Ausklingen meiner wirklich aktiven Shadowrun-Zeit. Das fiese echte Leben in Kombination mit der Erkenntnis, dass alle unsere Spielhilfen bald veraltet sein würden, hat unsere Spielwut stark abgekühlt. SR3 ist das letzte „klassische“ Regelwerk – die vierte Edition hat sehr viel umgewälzt. Hier ist das Shadowrun der „alten Schule“ am ausgereiftesten. Es wurden sehr viele nützliche Regeln aus den SR2-Quellenbüchern übernommen (und die Matrixregeln aus „Virtual Realities 2.0“ waren ein erster, kleiner Schritt zu Besserung). Ich habe mehr als einmal gehört, dass SR3 das „beste“ Shadowrun sei. Diese Aussage kam allerdings meist von Leuten, die älter als ich waren…

 

Shadowrun 4. Das schwarze Auge, Dungeons and Dragons, Shadowrun: Die großen, kontroversen Umwälzungen kommen anscheinend gern in der vierten Edition. Vor einigen Jahren traf ich mich mit einem alten DSA-Kumpel, der mir berichtete, er hätte jetzt angefangen, Shadowrun zu spielen – mit den damals aktuellen Viererregeln. Zu dem Zeitpunkt war ich im Thema Rollenspiele gerade überhaupt nicht drin. Ich kannte SR4 nicht. Das hat dazu geführt , dass wir uns einen Vormittag lang über Shadowrun unterhalten haben, ohne zu verstehen, wovon der andere eigentlich gerade spricht. Einige Zeit (genauer gesagt: Jahre) nach diesem Gespräch habe ich mir ein PDF mit Wasserzeichen besorgt, gedruckt und gebunden.

In der Tat gab es beim Wechsel von drei auf vier einige große Umbrüche, zwei will ich mal herausgreifen:

  • Die Charaktergenerierung wurde vom SR-typischen „Priorität ABCDE“ auf ein eher dem Massengeschmack entsprechendes System mit Generierungspunkten umgestellt. Dies führte zu weniger spezialisierten Charakteren (Ein Zauberer ist ein Zauberer, oder er ist es eben nicht), während „Hybride“ besser spielbar oder überhaupt erst möglich wurden.
  • Technische Entwicklungen, bei denen das Jahr 2009 die 2050er weit überholt hatte, wurden ins Spiel eingeführt (und das sogar integriert im Metaplot!): Durch einen zweiten Matrixcrash brach das weltumspannende Computernetz mal wieder zusammen. Danach wurde eine neue, drahtlose (!) Matrix geschaffen. Um aus einem Gespräch mit einem anderem Kumpel (der, dem ich das SR3-Regelwerk gemopst habe) zu zitieren: „Kannst Du Dir im Nachhinein vorstellen, dass wir im Jahr 2053 durch irgendwelche Korridore auf der Suche nach einer Netzwerkdose gerannt sind?“

 

Shadowrun 5 ist jetzt wohl eine sanfte Aktualisierung im Zeichen der Konsolidierung. Die Generierung nach Prioritätenist anscheinend die 3W20-Probe Shadowruns – eine heilige Kuh oder ein „Eckpfeiler“, je nach dem. Nach einer kurzen Auszeit ist das ABCDE-System – in erweiterter, komplexerer Form – wieder da. Ob das gut oder schlecht ist, möchte ich nicht beurteilen. Für mich fühlt es sich immer noch komisch an, Zauberer mit „Magie: Priorität D“ (der zweitniedrigsten) zu spielen. Grundsätzlich scheinen aber einige Aspekte der „drahtlosen Matrix“ intuitiver gelöst worden zu sein, z. B. Rigger. Am interessantesten fand ich aber das Geschichtskapitel am Anfang: Das Problem der „divergierenden Zeitlinien“ ist mittlerweile soweit fortgeschritten, dass die „Frühgeschichte“ nur noch in winzigen Auszügen erwähnt wird…

Dieses Problem lässt mich nicht mehr los. Ich werde aber noch ein oder zweimal die StarTrek-Voyager-Folge mit Sarah Silverman gucken müssen, um mich für eine weitere Abhandlung zur temporalen Divergenz in Stimmung zu bringen.

 

Bis dahin beste Grüße

a.

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