Der Ackerknecht stellt sich vor

von ackerknecht

Normalerweise stellt sich ein Blogger vor, wenn er einen neuen Blog beginnt. Von diesem Brauch will ich auch nicht abrücken. Vorstellen möchte ich (als realitätsflüchtiger Fantasy-Rollenspieler) aber nicht mich, sondern den Namensgeber des Blogs: Kalman Ackerknecht. Ja, so sind sie, die DSA-Spieler: Überidentifikation mit ihren „Helden“. Sarkasmus beiseite: Der gute Kalman ist einer meiner Lieblingscharaktere. An seinem Beispiel könnt Ihr, die Leser, erkennen, in welche Richtung dieser Blog gehen wird, und wie ich, der Autor, so ticke.

Den Kalman mag ich sehr gerne. Er ist nicht mein erster und auch nicht mein zweiter Charakter. Ich spiele ihn nicht besonders oft. Wenn ich ihn mal benutze, dann auch nicht besonders lange – meistens nur eine oder zwei Sitzungen. Er hat auch nicht besonders viel Erfahrung, da ich ihn immer wieder „von null an“ neu spiele. Kalman ist mein „Hallo, ich bin der neue in der Gruppe“-Charakter. Sein Zweck ist es, mal vorsichtig mit dem großen Zeh das Klima in unbekannten Gruppen zu überprüfen.

 

Kalman Ackerknecht ist das vierte von sechs Kindern eines grundhörigen Bauernpaars aus einer beliebigen mittelreichischen Grenzprovinz (gern mit Gebirge). Da seine Eltern mehr als genug Mäuler zu stopfen hatten, waren sie froh, dass ihr Lehnsherr den Jungen mit 14 Jahren regelrecht an die Reichsarmee „verkauft“ hat. So konnte er seine eigenen Lehenspflichten erfüllen. Das durch Answinkrise/Orkensturm/Dritte Dämonenschlacht/Jahr des Feuer (passende Kalamität bitte aussuchen…) arg geschwächte Heer konnte den kräftigen Bauernburschen als Rekrut gut brauchen. Aufgrund seines nicht vorhandenen Standes wurde Kalman einfacher Soldat der leichten Fußtruppen – ein „Axtschwinger“. Da er sich gut in den Bergen auskannte, wurde er entsprechend im Grenzschutz eingesetzt. In den fünf Jahren seiner Dienstzeit wurde Kalman nicht in größere Gefechte verwickelt, im Wesentlichen ging er mit seiner „Rotte“ im Gebirge auf Patrouille. Nachdem das Heer ihn ehrenhaft entlassen hat und er sich als freier Reichsbürger frei bewegen kann, sucht er für seine Familie eine neue Heimat: Sicherer als die Grenzregion, die sie jetzt bewohnen. Er möchte ihnen aber ein würdigeres Leben als das von Flüchtlingen ermöglichen – dazu braucht er aber Einfluss, einen guten Ruf und vor allem Gold.

 

Regeltechnisch (DSA4.1) ist Kalman ein mittelländischer Soldat des leichten Fußvolkes. Er hat ein paar der üblichen Vorteile für Kämpfer (schnelle Heilung, etc.) und zur Bewaffnung (Kriegsbeil) passende Sonderfertigkeiten. Weitere Vorteile und SF hängen mit der Ausbildung als „Gebirgsjäger“ zusammen (Innerer Kompass, Gebirgskundig). Der Sozialstatus ist niedrig, aber nicht ganz am Boden. (In der DSA5-Beta ist er übrigens ein Speerträger – eine andere Waffe hat der niedrige Sozialstatus nicht hergegeben.) Die Nachteile sind ein paar der üblichen, heldentypischen schlechten Eigenschaften: Neugier, Goldgier, Jähzorn, Meeresangst (als Gebirgsbewohner). Dabei bin ich weit, weit davon entfernt, die Generierungspunkte-Maxima auszureizen.

 

Was mag ich also an dem Kerl? Zum einen ist da seine Universalität. Ich kann ihn in fast jeder Epoche einsetzen – und auch heute verteilen sich die DSA-Runden ja gut über die 30jährige Geschichte des Spiels. Auch geografisch bin ich recht ungebunden – ich habe auch eine südaventurische und eine tulamidische Variante des Charakters griffbereit. Ich hab auch Kalman-Versionen für D’n‘D5 (und in gewisser Weise auch für Shadowrun). Die Splittermond-Version muss ich mir noch bauen, das erste Abenteuer sieht ja schon sehr interessant aus. Auch ein paar uralte Midgard- und Harnmaster-Kalmans liegen hier noch irgendwo rum.

Am meisten Wert habe ich aber darauf gelegt, dass Kalman zu möglichst vielen Spielphilosophien passt:

  • Er hat einen stimmigen aventurischen Hintergund. Seine Motivation, aufs Abenteuer auszuziehen, ist nachvollziehbar und realistisch im Sinne des „fantastischen Realismus“. Auch regeltechnisch ist der Charakter nicht überzogen. Er passt damit gut in eine simulationistische Gruppe.
  • Er bietet eine Vielzahl von Erzählansätzen: Ich habe seine Familie, seinen ehemaligen Lehnsherr, seine Kameraden und vorgesetzten bei der Armee und noch einiges mehr ausgearbeitet liegen. Auch im Erzählspiel kann ich ihn gut benutzen.
  • Durch die einfache, effektive Waffe in Kombination mit einfachen, effektiven Sonderfähigkeiten übersteht er auch eine Übernachtung im Wirtshaus zum Schwarzen Keiler oder eine Exkursion in den Wald ohne Wiederkehr. Auch für einen gamistischen Ansatz ist er zu gebrauchen. In einer richtigen „Power-Gaming“-Gruppe ist er sicherlich auf verlorenem Posten, aber den einen Abend, den ich in einer solchen Gruppe spielen würde, den sollten er und ich durchhalten.

 

Insgesamt bin ich mit Kalman zweimal in einer neuen Gruppe aufs Maul gefallen: Das erste Mal in einer Gruppe, die sich durch machtvolle und machtbewusste Charaktere auszeichnete: Ein Garether Weißmagier (keine Ahnung mehr, welche Akademie, ich glaube die, die schon immer da war), ein Rondrageweihter und ein sehr adliger Ritter vom alten Weidener Schlag. Die „Scherge, tue er dieses!“ und „Simpel, unterlasse er jenes!“-Sprüche wurden mit zu viel Freude vorgetragen, um die „Die sind nur in character“-Beruhigungen des Spielleiters ernst zu nehmen und die Woche drauf noch einmal hinzugehen.

Sehr viel lustiger war die zweite gescheiterte Gruppe: Die einzige Spielfigur, die entfernt noch etwas mit den DSA-Generierungsregeln zu tun hatte, war die Waldelfe einer Spielerin. Der einzige andere Charakter, der noch in irgendeinem DSA-Regelwerk Erwähnung fand, war ein Kobold.  Die anderen Spielerhelden waren eine Dunkel- und eine Blütenfee sowie ein Wurzelgnom. Alles Freizauberer, selbstverständlich. Jetzt haben die aber nicht irgendeinen kranken Scheiß damit gespielt („Meine Fee wünscht sich, dass Borbarad weg ist. Das passiert jetzt auch.“). Sie sind buchstäblich durch den Wald getanzt und haben sich mit Blütenblättern beworfen. Ich habe mir das eine halbe Stunde angesehen, ein-zwei Witze über den „unmagischen Muskelriesen“ mitgenommen und mich am Kopf gekratzt. Dann habe ich noch gefragt, wieso sie DSA spielen und nicht Changeling oder so. Zur Antwort, dass es ihnen so Spaß mache, habe ich nur noch den Daumen hoch gemacht, dem Spielleiter auf die Schulter geklopft und bin gegangen. Es war keine verschenkte halbe Stunde, sondern eine sehr interessante. Jedem, wie es ihm gefällt.

In diesem Sinne,

Gruß

a.

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